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"Bei uns kann jeder erfahren, dass er ehrlich mit sich sein darf. Und dass er dabei Gefühle hat, die stimmen. Auch wenn sie schmerzhaft sind, ist es richtig, sie nicht zu verleugnen. Wer fähig ist, mit dem Frohen und mit dem Schmerzhaften zu leben, ist deutlich weniger gefährdet, süchtig zu werden." Das wissen die Beratungslehrerinnen und Beratungslehrer für Suchtprävention am Berufskolleg Eschweiler. Fast 5000 Schülerinnen und Schüler haben in den letzten 10 Jahren an der schulinternen Anti-Sucht-Maßnahme teilgenommen, die an einem Schultag anstelle des normalen Unterrichts stattfindet. Dabei geht es darum, zu sensibilisieren für Sucht fördernde Stoffe und Verhaltensweisen.
Seit genau 10 Jahren werden im Laufe des Schuljahres alle Schülerinnen und Schüler der neuen Klassen mit der Frage konfrontiert "Was brauche ich, um zufrieden und glücklich zu sein?". Die Antwort fällt vielen Jugendlichen schwer, müssen sie doch erspüren, ob Geld wichtiger ist als Familie, ob Freiheit ihnen mehr bedeutet als das Auto, oder dass man auch bei Verzicht sehr wohl in Übereinstimmung mit sich und seiner Umgebung ein glückliches Leben finden kann. Um dies herauszufinden, stellen sich die jungen Leute in kleinen Gruppen weiteren Überlegungen: "Wie fühle ich mich, wenn ich das, was mich glücklich macht, nicht habe?" und "Was tue ich, wenn ich mich sehr unglücklich fühle?" Um die mehr als 2000 Auszubildenden und Vollzeitschüler, die das Berufskolleg besuchen, davor zu bewahren, in schwierigen, belastenden Lebensphasen in suchtgeprägte Verhaltensweisen auszuweichen, die das gefühlte Unglück kurzfristig betäuben, aber nicht helfen, das Eigentliche zu überwinden, veranstaltet die Schule Seminare, bei der jede Klasse, aufgeteilt in 2 Kleingruppen, sich in lockerer, aber von Vertrauen geprägter Runde mit vielen Aspekten rund um "Süchte" befasst.
Neben Drogenaufklärung versuchen die beiden Lehrerteams Bettina Schütz und Matthias Katz mit ihren neu ausgebildeten Kollegen Jörg Schwarz und Angela Ingendahl, zu vermitteln, dass bei der Krankheit Sucht immer eine Geschichte dahinter steht, und dass derjenige wieder gesund werden kann, der sich seiner schwierigen Lebenssituationen ehrlich und bewusst stellt.
Die Schülerinnen der Handelsschule und der Höheren Handelsschule wie auch die Schüler der Höheren Berufsfachschule für Technik äußern sich am Ende eines solchen Seminars sehr zufrieden darüber, einmal in Ruhe und Offenheit über ihre Lebenssituation sprechen zu können. Auch Drogenerfahrungen kommen dabei zur Sprache, wenn die Teilnehmer es wünschen. "Wir drängen aber niemanden", erläutert Angela Ingendahl, Ethik- und Wirtschafts-Lehrerin, "Wir lassen Vertrauen erleben und ermutigen zur Ehrlichkeit mit sich selbst." Viele Jugendliche erfahren, dass Mitschüler Ähnliches schon erlebt und bewältigt haben. Über Trauer zu reden beispielsweise gelingt in den Männerrunden ebenso, wie die kulturellen Unterschiede bei der Frauwerdung zu thematisieren, wenn Deutsche, Türkinnen und Asiatinnen zusammensitzen.
Alle Beratungslehrer haben eine fundierte Ausbildung, die sie befähigt, rechtliche und persönliche Aspekte angemessen zu besprechen und zu lösen. "Wir nehmen die wahren Gefühle sehr ernst, lassen nicht zu, über sie hinwegzugehen. Das macht die Menschen stark, gerade wenn sie sich schwach fühlen", weiß Matthias Katz, der als Lehrer bei Jugendlichen mit Besonderem Förderbedarf auch in seinem Unterricht oft mit den Problemen seiner Schüler konfrontiert wird. Dank der Zusammenarbeit mit zwei Sozialpädagoginnen, die ihren Arbeitsplatz ebenfalls in der Schule haben, können Beratung und Hilfe für Einzelne auch intensiver und längerfristig fortgesetzt werden.
Bettina Schütz, Lehrerin für Politik und Religion und seit 10 Jahren in der Suchtprävention aktiv:"Wir lernen immer noch dazu. Anfangs haben wir uns von Elke Koch vom Eschweiler Gesundheitsamt helfen lassen. Inzwischen wurde unser Modell von anderen Berufskollegs der Region übernommen." Und Reinhard Ernst, Schulleiter des BKE ergänzt: " Das Berufskolleg bildet für die Zukunft aus. Wir haben Schülerinnen und Schüler aus aller Herren Länder. Die müssen wir auf eine stabile Zukunft in Deutschland vorbereiten. Darum ist es uns als Schule wichtig, ein Stück Dialog zu ermöglichen. Dafür leisten wir uns, 4 Unterrichtende freizustellen für solch eine Maßnahme im Rahmen der Gesundheitserziehung. Die Seminare sind daher fester Bestandteil des Schulprogramms." Auch in der Lehrerausbildung für das Lehramt an Berufskollegs in Aachen hat die Maßnahme inzwischen einen festen Platz, wenn Referendare lernen, sich als Berater und Erzieher ihrer Schüler zu verstehen.
Am Wichtigsten, weiß Jörg Schwarz, Lehrer für Sport und Wirtschaft, ist der Kontakt zu den jungen Menschen: "Wenn einer gefährdet ist, muss er wissen, dass er auch in der Schule mit jemandem sprechen kann, der ihm hilft, eine Lösung für sich zu finden." Dass dies 10 Jahre lang immer wieder gelungen ist, beweisen auch ehemalige Schülerinnen und Schüler, wenn sie sich melden, weil sie an ihrer alten Schule eine Vertrauensperson haben.
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