Schüler und Studenten treffen sich auf Augenhöhe

Außenlernort: Gemeinsames Projekt der Internationalen Förderklasse des Berufskollegs und des Lehrstuhls für Gebäudelehre der RWTH Aachen.

Den Anfang symbolisierte ein leeres Blatt, ein Jahr später steht der Prototyp eines sogenannten Außenlernraums! In der Zwischenzeit kam ein außergewöhnliches Projekt zur Vollendung, dass die Schüler der Internationalen Förderklassen des Berufskollegs Eschweiler sowie Studenten des Lehrstuhls für Gebäudelehre an der RWTH Aachen im wahrsten Sinne des Wortes „miteinander“ verwirklichten. Von ersten Gedanken, Ideen und Federstrichen führte der Weg über detaillierte Zeichnungen und maßstabsgerechte Modelle bis zum Bau des Prototyps auf dem Gelände der berufsbildenden Schule.

RWTH-Projekt
Das „Miteinander“ im Vordergrund: Schüler aus den Internationalen Förderklassen des Berufskollegs Eschweiler und Studenten des Lehrstuhls für Gebäudelehre der RWTH Aachen planten und bauten in einem rund einjährigen Projekt gemeinsam den Prototyp eines Außenlernraums. Dabei lernten und profitierten alle Beteiligten in vielfacher Hinsicht. Foto: Andreas Röchter

„Unbezahlbare Erfahrungen“

„Seit rund einem Jahrzehnt bietet unser Lehrstuhl den Studenten sogenannte Selbstbauprojekte an. Diese Initiativen haben einen großartigen Lerneffekt. Darüber hinaus haben sie sich aber auch als fantastische Integrationsprojekte erwiesen, bei denen die Studenten auf unterschiedlichste Menschen treffen und unbezahlbare Erfahrungen sammeln“, erklärte Diplom-Ingenieurin Anna Weber, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der RWTH tätig ist. Als dann im Jahr 2015 das Thema „Zuwanderung nach Deutschland“ immer mehr in den Blickpunkt rückte, entwickelten die Verantwortlichen des Lehrstuhls den Gedanken, ein Projekt mit einer Gruppe junger Zuwanderer auf die Beine zu stellen. Und rannten damit bei Dagmar Ahmad mehr als nur offene Türen ein. Die Lehrerin des Berufskollegs Eschweiler unterrichtet in den Internationalen Förderklassen, meldete ihr Interesse an und fand umgehend Gehör. „Schließlich werden die Schüler am Berufskolleg nicht zuletzt auch im Kontext einer handwerklichen Ausbildung beschult“, so Anna Weber.

Im März des vergangenen Jahres standen unter der Überschrift „Universalraum Lernen“ die ersten Workshops auf dem Programm, bei denen sich die Schüler unterschiedlichster Nationalitäten und die Studenten kennenlernten. „Dabei stellten sie sehr schnell fest, dass ihre bisherigen Lernbiografien vollkommen unterschiedlich ausfielen“, blickt Anna Weber zurück. Aus den zahlreichen Anregungen schließlich einen Prototyp tatsächlich zu kreieren, erwies sich als große Herausforderung, die nur „miteinander“ zu meistern war. Eine Erfahrung, die Kayode Jacob nicht missen möchte. „Wir sind zu Beginn des Projekts nach Aachen gefahren, haben dort mit den Studenten Pläne für den Lernraum gezeichnet und auch noch Sitzmöbel entworfen“, berichtet der aus Nigeria stammende Schüler, der seit 2015 das Berufskolleg besucht und inzwischen die deutsche Sprache sehr gut beherrscht. „Er hat in den zurückliegenden zwölf Monaten große Fortschritte gemacht“, weiß Dagmar Ahmad zu berichten, der bewusst ist, ihre Schüler vor einem Jahr nicht zuletzt sprachlich „ins kalte Wasser“ geworfen zu haben. „Zu Beginn des Projekts lief die Verständigung durchaus auch mit Händen und Füßen“, erinnert sich die Pädagogin, die sich zum Abschluss des Projekts über weitreichende Lerneffekte freut. „Zum einen sprachlich und kommunikativ. Zum anderen haben die Schüler aber auch erkannt, dass beim Umsetzen der Theorie in die Praxis absolute Präzision und Genauigkeit unabdingbar sind“, so Dagmar Ahmad, die ihre Schüler während des Projekts natürlich auch von einer ganz anderen Seite als im Unterricht kennenlernte. „Es kommen Talente der Schüler zum Vorschein, die im Unterricht vielleicht verborgen bleiben. Erkenntnisse, die wichtig sind, um die Schüler im Hinblick auf ihren beruflichen Werdegang bestmöglich beraten zu können!“

Doch natürlich profitierten bei weitem nicht nur die Schüler vom Selbstbauprojekt. „Wir wussten zu Beginn genauso wenig wie die Schüler, was uns erwartet“, macht Student Morten Schrötgens deutlich. Und Kommilitone Piet Kretschmer ergänzt: „Schüler und Studenten haben sich auf Augenhöhe getroffen. Einige Schüler haben Erfahrungen eingebracht, von denen wir Studenten profitieren und lernen konnten. Schließlich war die praktische Umsetzung, das Bauen, auch für uns Neuland.“ Schulleiter Thomas Gurdon wies auf die zahlreichen Mitstreiter des Projekts hin, angefangen bei Architektin Gabriele Reiners und Alexander Vorbrig als Werkstattleiter für Holztechnik über die Mies-van-der-Rohe-Schule in Aachen als weiteres Berufskolleg bis zu mehreren Betrieben und Firmen. „Es ist immer sinnvoll, wenn Schüler etwas produzieren, was einen bleibenden Wert hat“, ist er überzeugt, dass der Außenlernraum zu einer „Plattform der Begegnung“ wird, die nach und nach um Zusatzfunktionen erweitert werden könnte.

„Zarte Pflänzchen“

„Für uns als Träger ist es natürlich ein Geschenk, eine Schule bei einem Projekt mit so eindeutiger Win-win-Situation unterstützen zu können“, betonte auch Christoph Gromes von der Städteregion Aachen. Und die Zukunft? Ist eine Fortsetzung der Kooperation zwischen Berufskolleg Eschweiler und RWTH möglich? „Denkbar ist sie auf jeden Fall. Erste zarte Pflänzchen und Ideen blühen“, so Thomas Gurdon. Eine Einschätzung, die bei Anna Weber Kopfnicken hervorruft.

Quelle: Eschweiler Zeitung vom 15. März 2017