Spannende Unterrichtsstunde der etwas anderen Art

Der Autor Theo Schmich liest Schülern des Berufskollegs aus seinen Kurzgeschichten vor. Unverkennbarer „Ruhrgebiets-Duktus“.

Gegensätze üben immer wieder eine Faszination aus: Im Berufskolleg Eschweiler trafen nun Schüler unterschiedlicher Berufsfachschulrichtungen, die ihr gesamtes Arbeitsleben noch vor sich haben, auf einen Autor, der in wenigen Wochen sein 82. Lebensjahr vollendet, auf jahrzehntelange Berufserfahrung als Chemie-Ingenieur zurückblicken kann und in seinen Kurzgeschichten, mit denen sich die Schüler bereits im Unterricht beschäftigt hatten, einen in erster Linie satirischen Blick auch auf die Arbeitswelt wirft. Etwa im Werk „Grüne Flaschen“, in dem der Ich-Erzähler in einer Fabrik Flaschen, die am Fließband an ihm vorüberziehen, kontrolliert, um die fehlerhaften Exemplare aussortieren zu können. Der Protagonist bemerkt schnell, dass die Arbeit weder Anfang noch Ende kennt.

Lesung
Erfahrung trifft auf Neuland: Autor Theo Schmich las vor Schülern des Berufskollegs Eschweiler aus seinen Kurzgeschichten und beantwortete zahlreiche Fragen. Foto: Andreas Röchter

Gefühlt „umzingelt“ von Flaschen, ist er bald unfähig, seine Tätigkeit auszuüben. „Diese Schwierigkeiten hatte bisher jeder, der mit dieser Aufgabe betraut wurde“, bemerkt der Meister. Und behält Recht, denn bald bekommen die Flaschen Gesichter. Für den Ich-Erzähler werden sie zu lebenden Wesen, quasi zu eigenen Kindern, die er durch eine Wand ins Leben entlässt. „So ist es Recht. Jetzt sind sie für uns wertvoll“, ist der Meister zufrieden.

Zwischen den kurzen Leseproben nutzten die Schüler immer wieder die Gelegenheit, mit Theo Schmich, der auf Initiative von Lehrerin Büsra Aydin das Berufskolleg Eschweiler besuchte, ins Gespräch zu kommen. „Warum beschäftigen sie sich in ihren Geschichten überhaupt mit dem Thema Arbeitswelt?“, wollten einige der jungen Zuhörer wissen. „Die Arbeitswelt ist nicht das einzige Thema, mit dem ich mich in meinen Werken beschäftige. Aber sie bietet ein Themenfeld, das mich interessiert. Ich habe mehr als die Hälfte meiner Berufszeit im Außendienst verbracht und dabei zahlreiche unterschiedlichste Unternehmen kennengelernt. In quasi jedem herrschte eine individuelle Atmosphäre. Ich habe einfach vieles erlebt, was sich meines Erachtens als Stoff für Kurzgeschichten eignet. Dabei sind die Geschichten nicht autobiographisch. Doch meine Erlebnisse liefern natürlich Ideen“, betonte Theo Schmich. Und wie geht es nach der Grundidee weiter, bis die Geschichte steht? „Ich notiere die Idee auf höchstens einer halben Seite und hefte das Blatt an mein Bücherregal. Dort komme ich jeden Morgen vorbei. Ich denke also zwangsläufig über den Fortgang nach und verspüre den Ehrgeiz, die Geschichte weiterzuentwickeln. Aus mehreren Zetteln setzt sich schließlich die Geschichte zusammen. Wobei für mich ganz wichtig ist, dass ich bereits zu Beginn möglichst die Gewissheit habe, wie die Geschichte enden soll, so dass ich auf dieses Ende hinschreiben kann“, beschrieb der Autor seine Arbeitsweise mit unverkennbarem „Ruhrgebiets-Duktus“.

Zum Abschluss las Theo Schmich die den Schülern aus dem Unterricht bereits bekannte Geschichte „Geier“ vor, in der einige Arbeitskollegen teilnahmslos und wie die Aasfresser auf eine Schwäche des Opfers wartend, den Niedergang ihres ehemaligen Mitstreiters Harold verfolgen, der statt ihrer zum Prokuristen befördert wurde, sich dieser Aufgabe letztlich aber als nicht gewachsen erweist. „Seine Schwäche stärkt uns“, las der Autor. Und beschrieb damit eine Situation, wie sie täglich wohl tausendfach in den Büros dieser Welt zu beobachten sein dürfte.

Quelle: Eschweiler Zeitung vom 03. Juli 2017