Mutmacher und Türöffner

Das Berufskolleg in Eschweiler ist offiziell „Schule im NRW-Talentscouting“. Das bedeutet: Studieninteressierte Schüler werden von Talentscouts beraten. 47 Jugendliche haben schon mitgemacht.

Jacqueline Schroll würde gern Lehrerin werden. Oder Architektin, oder Designerin. So viele Möglichkeiten, so viele Interessen – vielen jungen Erwachsenen ihrer Generationen wird das bekannt vorkommen. Sie ist Schülerin am Berufskolleg Eschweiler, im Mai wird sie ihr Fachabitur machen, im Bereich Wirtschaft und Verwaltung. Ein BWL-Studium mag dort der klassischere Weg sein, das kommt für die Schülerin aber nicht infrage. Nicht mehr zumindest: „Ich habe schon einiges aussortiert“, sagt sie.

Talentscouting
Nun ist die Kooperation auch per Unterschrift festgehalten (v.li.): Professor Carmen Leicht-Scholten von der RWTH, Berufskolleg-Schulleiter Thomas Gurdon und Professor Martina Klocke von der FH Aachen unterzeichnen den Kooperationsvertrag des Talentscouting-Programms. Im Hintergrund stehen sechs der 47 Schüler, die beim Projekt dabei sind, unter ihnen Jacqueline Schroll (Dritte von links). Foto: Andreas Röchter

Das war gar nicht so einfach. „Ich bin nie wirklich sicher, was ich machen möchte, ich finde so vieles toll“, sagt Schroll. Ihre Lehrerin war es, die ihr deswegen vorgeschlagen hat, mit einem Talentscout zu sprechen.

Seit 2017 werden an der RWTH und FH Aachen Schüler von Talentscouts beraten und gefördert. Das Berufskolleg Eschweiler war die erste Schule in der Städteregion, die beim Talentscouting mitgemacht und mit den beiden Hochschulen kooperiert hat.

In der ganzen Städteregion

Inzwischen seien alle Schulen der Städteregion mit im Boot, sagt Seren Başoğul. Sie ist der Talentscout, der für das Berufskolleg Eschweiler verantwortlich ist, angestellt ist sie an der FH Aachen. Mehrmals im Monat besucht sie das Berufskolleg und spricht mit den Jugendlichen. Wie oft und wie regelmäßig, das ist individuell. „Die Schüler bestimmen das Tempo“, sagt sie. Insgesamt betreut sie fünf Schulen in der Städteregion.

Das Programm ist NRW-weit angelegt, Zielgruppe sind die Schüler von Gymnasien, Gesamtschulen und Berufskollegs. 17 Hochschulen sind inzwischen mit dabei. „Wir sind keine Headhunter für die FH und die RWTH“, betont Başoğul. „Wenn sich jemand für einen bestimmten Studiengang interessiert, haben wir auch die anderen Hochschulen im Blick.“ Noch bis 2020 ist das Projekt zunächst gesichert.

Vor allem Schülern, die aus einem Nichtakademikerfamilien kommen, sollen so Möglichkeiten eröffnet werden, die vorher womöglich gar nicht in Betracht gezogen worden sind. „Die Zeiten, in denen die Schüler das machen, was Mama und Papa gemacht haben, sind vorbei“, sagt Berufskolleg-Schulleiter Thomas Gurdon. Es gehe darum, Mut zu machen, Potenziale auszuschöpfen. „Oft haben die jungen Leute nur einen begrenzten Blick auf die Arbeitswelt.“

In Eschweiler sprechen die Zahlen für sich: 47 Schüler sind im Talentscouting-Programm, 31 davon kommen aus einem Elternhaus, in dem niemand studiert hat. „Das Talentscouting ist ein leichtes Anschubsen, ein Türöffner“, sagt Gurdon. „Durchgehen müssen die Schüler selbst.“ Meistens werden die Jugendlichen von den Lehrern vorgeschlagen – ein Vorteil, schließlich kennen sie ihre Schüler, ihren Hintergrund und oft auch ihre Interessen und Stärken.

Für Jacqueline Schroll war schon länger klar, dass sie studieren möchte. Nur was genau eben noch nicht. An der FH Aachen hat sie während eines Probetags in den Studiengang Architektur hereingeschnuppert. Nach ihrem Fachabitur wird sie ein Jahr lang verschiedene Praktika machen, um weiter einzugrenzen, was sie studieren möchte. „Oder um noch neue Möglichkeiten zu finden“, sagt sie und lacht. Währenddessen wird ihr noch das ein oder andere Gespräch mit Seren Başoğul helfen.

Quelle: Eschweiler Zeitung vom 16. Januar 2018