In Europa ist eine ganze Menge möglich

Das beweist die Geschichte von Thomas Quilitz und Didier Verschelde. Berufskolleg will Austausch mit Frankreich intensivieren.

„Man sieht sich immer zweimal im Leben“ ist oft eine abgegriffene Floskel, aber ab und zu beweist der Lauf der Zeit tatsächlich Sinn für Humor. Das dachte sich wohl auch Thomas Quilitz, seines Zeichens Lehrer am Berufskolleg Eschweiler (BKE), als er in den 1990er Jahren hörte, welchen Besuch er empfangen würde. Mitten in dem französischen Tross aus Lille, der sich auf den Weg ins Rheinland machte, war nämlich Didier Verschelde. Verschelde, mittlerweile Lehrer am ICAM (Institut Catholique des Arts et Metiers), und Quilitz wohnten als Studenten in einer Wohngemeinschaft, hatten sich aus den Augen verloren und trafen sich dann per Zufall wieder. Es folgten einige gegenseitige Besuche der Lehrer mit ihren Schülern aus Lille und Eschweiler, doch der gegenseitige Kontakt der Schulen geriet ins Stocken. Knapp 20 Jahre später soll die Freundschaft neu aufleben, ein Zeichen der Verbundenheit zwischen den Nachbarländern setzen – und die Geschichte von Quilitz‘ beruflicher Laufbahn wieder zum Anfang zurückführen.

Austausch
Die 18 Auszubildenden mit ihren vier Begleitern waren zu Gast im Berufskolleg Eschweiler. Zur Freude von: (Hinten Links) Thomas Quilitz, Thomas Gurdon und Eva Spennes, Helen Weiss Hannah Hüppe, Catharine Antoine (vor Hüppe) sowie (vorne sitzend, 3.v.r.) El Mostafa El Kandoussi. Foto: Christian Ebener
Austausch
Alte Zeiten: Thomas Quilitz (links) zu Gast in Lille bei Didier Verschelde im Jahre 1998. Foto: Martina Quilitz

Ein Sprung in die vergangene Woche: Wieder macht sich eine Gruppe aus der Hauptstadt der Region Hauts-de-France auf den Weg Richtung Eschweiler. 18 Auszubildende des ICAM, ihre Lehrer Catherine Antoine und El Mostafa El Kandoussi und die deutschen Teilnehmerinnen des „Service Civique“ (ungefähr wie der Bundesfreiwilligendienst), Helen Weiss und Hannah Hüppe, um genau zu sein.

Letztere waren die Initiatoren, die den Stein wieder ins Rollen brachten. Da Frankreich über kein duales Ausbildungssystem verfügt und die ICAM eher als Hochschule fungiert, wollten Hüppe und Weiss den Auszubildenden und ihren Lehrern das deutsche System näherbringen. An der technischen ICAM erleben die Freiwilligendienstlerinnen den Alltag als sehr „verschult“ – wie an allen französischen (Hoch-)Schulen geht der Unterricht bis tief in den Nachmittag, die Auszubildenden sind gegenüber den Studenten deutlich in der Minderheit. Auch der Übergang von Arbeit und schulischer Bildung gestaltet sich dort grundlegend weniger flexibel als es in Deutschland der Fall ist.

Beste Verbindungen

Also fragten die „Volontaires“ Hüppe und Weiss im International Office nach, an welche Schule man denn reisen könnte in Deutschland. Wie es der Zufall wollte, hieß ihr Ansprechpartner: Didier Verschelde. Dieser erinnerte sich an den Oberstudienrat, zu dem er weiterhin den Kontakt pflegte, und seine ehemalige Heimatstadt Wattrelos, die – unweit von Lille entfernt – beste Verbindungen zur Indestadt besitzt.

Und so konnte Schulleiter Thomas Gurdon am Donnerstag die Reisegruppe im Berufskolleg begrüßen, sprachlich unterstützt von Französischlehrerin Eva Spennes. „Zu Frankreich haben wir immer eine gute Beziehung gehabt, die von Frau Spennes gepflegt wird“, erklärte der Schulleiter. Der Besuch in Eschweiler stellte für viele Schüler ein Novum dar, nur zwei waren vorher bereits in Deutschland gewesen. Auch sprachlich stellte sich die ein oder andere Hürde, da der englischsprachige Unterricht deutlich weniger ausgeprägt ist, als in Deutschland, erklärten Hüppe und Weiss. „Die jungen Leute finden immer eine Möglichkeit sich auszutauschen“, ergänzte Spennes, die mit ihren Besuchern einen spannenden Reiseplan absolvierte.

„Kontakt im technischen Bereich“, so Spennes, wolle man den Auszubildenden der Fachrichtung Maschinenbau bieten, die dafür mit am Unterricht der „HöTech“ teilnahmen. Mittwochs folgte eine Stadtführung durch Aachen und am Donnerstag standen das Kraftwerk und der Tagebau an. Eine Begrüßung im Berufskolleg Eschweiler sollte einen Einblick in das deutsche Schul- und Ausbildungssystem geben. Eine spannende Erfahrung auch für die Lehrer Antoine und El Kandoussi, die hier Anreize für neue Methoden am ICAM suchten. Mit den englischsprachigen Führungen sollten die Schüler auch in ihrer sprachlichen Kompetenz geschult werden, erklärte Spennes. Das Highlight stellte ein Besuch bei e.GO, dem E-Mobility-Projekt in Aachen, dar.

Besondere Freude

Ein rundum gelungenes Programm also. Und ob daraus mehr erwächst? Am Ende einer kleinen Fragerunde musste El Kandoussi bereits klarmachen: Die Beziehungen zwischen BKE und ICAM müssen wieder intensiviert werden und man freue sich schon auf die ersten Besucher aus der Indestadt im Norden Frankreichs.

Für Hüppe und Weiss eine besondere Freude. Jedes Jahr tritt das ICAM nämlich eine mit Fördergeldern unterstützte Reise an und ihr Vorschlag für den Ausflug ins Rheinland hat sich jetzt bereits voll gelohnt – nicht nur, weil aus „‘elen“ und „‘annah“ wieder „Helen“ und „Hannah“ geworden sind, wie sie augenzwinkernd feststellten. Sie unterrichten am ICAM auch Deutsch und Englisch, gerne würden sie die sprachliche Ausbildung vorantreiben und auch den Studenten des Instituts einen Einblick in ihr Heimatland geben.

Während die Auszubildenden weiter durch das Gebäude zogen, blieb jedoch eine kleine Enttäuschung übrig. Die Wiedervereinigung von Quilitz und Verschelde musste noch etwas aufgeschoben werden, der französische Lehrer mit dem flämischen Nachnamen musste aus privaten Gründen sein Mitkommen absagen. Trotzdem blickte Quilitz mit Hoffnung auf den Besuch. So hatten die Väter von ihm und seinem französischen Kollegen noch im Krieg gegeneinander gekämpft, später studierten Thomas und Didier zusammen, wurden Freunde, verloren sich aus den Augen, trafen sich wieder und schrieben ein neues, kleines Kapitel der deutsch-französischen Freundschaft, die in Eschweiler und Wattrelos besonders groß geschrieben wird.

Wenige Jahre vor seiner Pensionierung solle dieser Zusammenhalt durch eine neuerliche Kooperation von BKE und ICAM wieder Form gewinnen, wünschte sich Quilitz. Es wäre der passende Abschluss einer Geschichte, die von Zufall geprägt ist, aber ein Sinnbild dafür, was im modernen Europa möglich ist. Derweil sind die 22 Gäste bereits wieder auf dem dreistündigen Weg in ihre Heimat. Und mit im Gepäck viele positive Erfahrungen aus dem Nachbarland – es sollen nicht die letzten gewesen sein.

Quelle: Eschweiler Nachrichten vom 27. März 2018