Neu verpackt in die Mülltonne

Lebensmittel bekommen nicht die Wertschätzung, die sie verdienen, weiß die AWA. Die Abfallberater wollen deshalb mit einer Ausstellung sensibilisieren.

Aachen. Die Farben rot und weiß, die eine Sparkasse normalerweise dominieren, werden von großen orange-grünen Aufstellern gebrochen. Eine ebenso bunte Gruppe des Berufskollegs Eschweiler betritt das Foyer und schaut erstaunt auf die ersten Fakten, die das Banner im Eingangsbereich d em Besucher vor Augen führt. Wir als Verbraucher verschwenden 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel im Jahr, jeder einzelne im Wert einer halben Playstation 4, genauer gesagt 236 Euro. Ein Raunen geht durch die Gruppe. Christina, 23, sagt: „Nee das glaub‘ ich nicht!“ Pro Kopf sind das 82 Kilo, Kartoffelschalen miteingerechnet. Abfallberaterin Heike Stiller jedoch ergänzt: „50 bis 55 Kilo davon sind vermeidbar. Das Fassungsvermögen einer Biotonne veranschaulicht unsere Verschwendung.“ Als die Schüler die Tonnen sehen, kommt die Erkenntnis: „Ah doch. Das kann ich mir schon vorstellen“, sagt der 16-jährige Stefan.

Sechs interaktive Stationen

Nicht nur über Zahlen haben wir als Konsumenten den Überblick verloren, sondern auch über den Inhalt unseres Kühlschranks und den Müll, den das mit sich bringt. Das dachten sich auch die Abfallberaterinnen Regina Brück, Nicoll Parthey und Heike Stiller des Entsorgungsunternehmens AWA Entsorgung GmbH mit Sitz in Eschweiler und stellten die Wanderausstellung „Lebens(mittel)verschwendung? Wertschätzen statt Wegwerfen!“ mit insgesamt sechs interaktiven Stationen zusammen, die vorwiegend von Schulen und Berufsschulen kostenlos angefragt werden kann.

Portionsgröße
Wie viel Nudeln schaffst du? Christina ermittelt eine Portionsgröße, Sabrina und Stefan schauen gespannt zu. Die AWA-Ausstellung vermittelt Wissen rund um Lebensmittel durch Ausprobieren. Fotos: Bettina Begner


Warum sich gerade ein Abfallunternehmen mit dem Vermeiden von Abfall beschäftigt, fragt sich nun vielleicht der ein oder andere, wo gerade der Müll doch ihr größtes Geschäft ist. Heike Stiller erklärt: „Das Thema lag bei uns schon lange in der Luft, denn als Abfallentsorger ist unser höchstes Ziel nicht die Verwertung, sondern die Vermeidung. Das steht im Kreislaufwirtschaftsgesetz, an das sich jedes Abfallunternehmen halten soll, das für alle gilt. Nachdem wir den Film ‚Frisch auf den Müll‘ von Valentin Turn zusammen mit unserem Chef geschaut haben, war auch er überzeugt von der Idee.“

Von acht Lebensmitteln, die wir kaufen, verdirbt eines. 13 Prozent dieser Lebensmittel bleiben unberührt und werden nicht einmal ausgepackt. Lustkäufe, keine Einkaufslisten und die fehlende Struktur in Vorratskammer und Kühlschrank lassen uns schnell vergessen, dass hinten links in der Ecke noch eine Packung Salami liegt. Was für weitere Konsequenzen das mit sich bringt, hat keiner vor Augen: „Je mehr Sachen im Kühlschrank sind, desto mehr muss gekühlt werden, das hat einen höheren Energieverbrauch und einen höheren CO2-Verbrauch Ausstoß zur Folge, der sich wiederum negativ auf unsere Umwelt auswirkt“, sagt Heike Stiller. Vielleicht denken die älteren Leute auch nicht so weit, aber für die Generation unserer Großeltern sei Essen ein Schatz, sagt Heike Stiller. „Eine Dame war an unserem Infostand und sagte mir, sie esse auch Lebensmittel, die nicht mehr schmackhaft seien. Die Generation 70plus geht aufgrund ihrer Lebenserfahrung ganz anders mit Lebensmitteln um als zum Beispiel meine. Ich bin aufgewachsen in einer Zeit, in der es bei Lebensmitteln schon eher um die Ästhetik ging.“

Gesundheitsrisiko

Verbrauchsdatum und Mindesthaltbarkeitsbestimmungen: Wo liegt da eigentlich der Unterschied? Nicht jeder der sechsköpfigen Gruppe des Berufskollegs weiß da Bescheid. Nur Christina zeigt auf die verpackten Modelle, die ein MHD aufweisen, und welche ein „verbrauchen bis“ benötigen. Frisches Fleisch und Fisch gehören dazu, da sie nach Verfall des Datums ein erhöhtes Gesundheitsrisiko darstellen. „Bei mir werden Sachen aber so gut wie nie schlecht, ich kaufe einmal in der Woche groß ein, habe einen Plan, was es wann zu essen gibt“, erklärt die 23-Jährige. Als es aber zum Thema kommt, dass es vollkommen legitim ist, den Schimmel von einem großen Stück Gouda so großflächig abzuschneiden, rümpfen alle die Nase. „Das Auge isst doch mit! Da würde ich mich nur vor ekeln“, bestätigt Sabrina (16), die sich weniger mit der Thematik auseinandergesetzt hat als ihre Mitschüler Stefan und Christina, die schon alleine wohnen. „Bei mir kauft Mama ein. Ich koche nur selten“, gibt Sabrina zu.

Knifflige Aufgabe
Knifflige Aufgabe: An dem Whiteboard der AWA-Ausstellung, derzeit in Eschweiler zu sehen, sollen Lebensmittel in den Kühlschrank geräumt werden. Aroma und Haltbarkeit hängen von der richtigen Kühlung ab.


Erst Lebensumstellungen wecken das Interesse am Lebensmittelmanagement. Wer achtet schon auf das MHD, wenn er im elterlichen Kühlschrank nach dem Joghurt greift?

Zwar wird Christinas Variante – Wocheneinkauf – auch von der AWA empfohlen. Heike Stillers Kinder machen es anders: „Das mit dem Einkaufslistenschreiben habe ich ihnen mit auf den Weg gegeben. Eine meiner Töchter, die nun ausgezogen ist, kauft mehrmals pro Woche kleine Mengen ein, was sich besonders bei vielen Läden in der Umgebung anbietet. So hat sie eine überschaubare Menge im Kühlschrank und sieht alles auf einen Blick. Verkommen tut bei ihr selten etwas, das hat wohl aber eher ökonomische Gründe.“ Zur ersten Variante des Wocheneinkaufs verteilt die AWA Einkaufszettelblöcke mit Wochenübersicht, die laut den Abfallberaterinnen am besten angenommen werden.

Doch auch die Generation 50plus, zu denen sich Heike Stiller zählt, hat Probleme mit dem Haushalten von Lebensmitteln, wenn die Kinder erst mal aus dem Haus sind: „Ich koche prinzipiell zu viel, weil ich unterbewusst für meine Töchter mit koche. Auch ich muss auf ein Neues lernen, besser zu portionieren und weniger einzukaufen. Das ein oder andere Mal stelle ich fest, dass noch so viel im Kühlschrank ist, dass ich Einkäufe ausfallen lassen kann.“

Portion in der Hand

Zur richtigen Portionierung von Produkten bietet die Wanderausstellung einen Infotisch an, bei dem Portionsgrößen abgewogen werden sollen. Wieder ist es Christina, die auf fünf Gramm genau richtig lieg. Die Portionsgröße Fusilli passt in ihre Hand und schaut winzig aus. Doch viele vergessen, wie sehr Nudeln und Reis aufquellen und sind überrascht über den riesigen Topf, den sie da gekocht haben. „Die restlichen Nudeln kann man am nächsten Tag anbraten, sagt Marco (16).

Beim Verwerten von Resten ist Kreativität gefragt, die anscheinend Lukas (19) besitzt: „Armer Ritter ist echt lecker. Klar kann man das alte Brot nur in Milch und Ei legen, aber mit dem ein oder anderen Gewürz schmeckt es noch viel besser!“ Es gibt zahlreiche Bücher und Internetseiten, die das Thema behandeln.

An der letzten Station der Ausstellung werden die allerletzten Reste, die wirklich nicht mehr essbar sind, verwertet. Heike Stiller erklärt den Eschweiler Berufsschülern, was sich für das Verpacken der Bioabfälle für den Kompost eignet. Neben Küchenkrepp und Papierbeuteln gibt es Tüten, die nach Plastik aussehen, aber aus Maisstärke hergestellt werden. Wer als armer Berufsschüler oder Student kein Geld für Biokunststofftüten hat, der kann auch einfach diese Zeitung hier nehmen.

Infos im Netz:
www.reste-essen.de
www.awa-gmbh.de

Quelle: Eschweiler Nachrichten vom 1. Dezember 2014