Menschen lieber in die Augen sehen

Tourneetheater „Radiks“ aus Berlin mit „Fake oder War doch nur Spaß“ vor Ort

Am Anfang steht eine „einfache kleine“ Lüge, deren Ursache Eifersucht ist. Diese durchaus menschliche Emotion führt schließlich in die Katastrophe samt (fehlgeschlagenem) Selbstmordversuch, Psychatrie und Gefängnis. Dazwischen liegen zunächst unscheinbare Sticheleien in den unterschiedlichen Sozialen Medien und Netzwerken, die eine Welle von gegenseitigen Verleumdungen und Ausgrenzungen auslösen.

Theater gegen Mobbing

Von einer „einfachen kleinen“ Lüge zur Katastrophe: Die Schauspieler Liane Steinnagel und Philipp Bodner zeigten am Berufskolleg Eschweiler, wie schnell Cyber-Mobbing außer Kontrolle geraten kann. FOTO: ANDREAS RÖCHTER

Auf diesen leider durchaus realistischen Parforceritt nahmen jetzt die Darsteller Liane Steinnagel und Philipp Bodner Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs Eschweiler mit. Das in Berlin beheimatete Tourneetheater „Radiks“ gastierte an der Schule in der August-Thyssen- Straße und zeigte das Stück „Fake oder War doch nur Spaß“ von Autor Klaus Koch, das in Zusammenarbeit mit erfahrenen Pädagogen und Jugendsozialarbeitern entstanden ist.

Ständig existent

„Cyber-Mobbing ist einThema, das in jeder Sekunde desTages existiert, aber nach wie vor viel zu sehr totgeschwiegen wird“, betont Katherina Stenz, Lehrerin am Berufskolleg Eschweiler, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Elke Schanze das Projekt „TheateramBKE“ forcierte.„Unsere Schule hat sich als Leitbild die Begriffe Toleranz und Respekt auf die Fahne geschrieben. Deshalb gilt es, unsere Schüler zu sensibilisieren und den achtsamenUmgang untereinander zu pflegen“, so die Pädagogin, die Mobbing im Allgemeinen und Cyber-Mobbing im Speziellen „als ethische Themen“ unter anderem im Religionsunterricht in den Fokus nimmt.

Als Bündelschule bilde das Berufskolleg die gesamte Gesellschaft mit all ihren Problemen, aber auch mit allen Konfliktlösungsmöglichkeiten ab. Für Schulleiter Thomas Gurdon ist vor allem der Perspektivwechsel von großer Bedeutung. Die zentrale Botschaft müsse lauten: Was du nicht willst, dasmandir tut, das füg’ auch keinem ander’n zu. „Die Fähigkeit, mit Empathie in den anderen hineinzusehen, muss gefördert werden“, unterstreicht Gurdon. Lehrerinnen und Lehrer seien in dieser Hinsicht mehr und mehr gefordert. „Die Schülerinnen und Schüler wollen den älteren Ansprechpartner, der zuhört und mit Rat und Tat unterstützt“, so die Erfahrung des Schulleiters, der deutlich ausspricht, dass die Schule als Ort der reinen Wissensvermittlung längst der Vergangenheit angehört.

Von Erfahrungen aus dem Leben

Im Anschluss an das Stück diskutierten die beiden Darsteller, denen es zuvor gelungen war, ihre Zuschauer und -hörer emotional in den Bann zu ziehen, mit den Schülerinnen und Schülern und brachten dabei auch eigene Erfahrungen aus dem realen Leben in den Austausch ein. „Das eben gezeigte Szenario ist oft nicht so weit weg, wie man glaubt“, erklärte Philipp Bodner, der ausdrücklich betonte, dass die Botschaft von„Fake oderWar doch nur Spaß“ nicht laute, die Sozialen Medien zu verteufeln. Stattdessen wolle es aufrufen, über Grenzen nachzudenken. „StehtmaneinemMenschen direkt gegenüber, dann merkt man, ob man ihn verletzt hat. In den sozialen Medien ist dies anders“, so der Schauspieler, der den Appell an die Schülerinnen und Schüler richtete, in der Gemeinschaft die Augen aufzuhalten und aufeinander zu achten. Ein Aspekt, den Schauspielerin Liane Steinnagel abschließend aufnahm: „Die meisten Menschen sind weder Opfer noch Täter, sondern stehen nur beobachtend daneben, ohne für den Mitmenschen einzustehen!“

Quelle: Eschweiler Nachrichten vom 12. November 2019