Was dem Kolleg fehlt, sind Sozialarbeiter

Hätte Berufskollegleiter Thomas Gurdon die, würde er mehr internationale Förderklassen einrichten. FDP-Expertin Schmitz zu Besuch.

Es war eine Premiere: Erstmals seit Beginn seines Wirkens am Berufskolleg Eschweiler durfte Schulleiter Thomas Gurdon eine Landespolitikerin in seinem Büro begrüßen, zu deren hauptsächlichen Themen die Schulpolitik zählt. Ingola Schmitz, seit 2012 Landtagsabgeordnete der FDP und Sprecherin für berufliche Aus- und Weiterbildung ihrer Fraktion, verschaffte sich in Begleitung der wissenschaftlichen Mitarbeiter Rudi Frischmuth und Ilona Folsche während ihres eineinhalbstündigen Besuchs ein Bild von der Bündelschule, an der momentan 118 Lehrer rund 2500 Schüler aus nahezu 40 Nationen in den unterschiedlichsten Bildungsgängen unterrichten. Im engagiert geführten Gespräch zwischen zwei Lehrern, Ingola Schmitz unterrichtete vor ihrem Einzug in den Landtag als Oberstudienrätin am Europagymnasium in Kerpen, wurden zahlreiche schulpolitische Themen diskutiert.

Sozialarbeiter
Informationen aus erster Hand: Schulleiter Thomas Gurdon (links) und Lehrer Michael Joußen brachten Ingola Schmitz, Sprecherin für berufliche Aus- und Weiterbildung der FDP-Landtagsfraktion, das Berufskolleg Eschweiler sowohl theoretisch als auch praktisch näher.

 

„Die Berufskollegs stellen nach meiner Auffassung die wichtigste Schulform in unserer Gesellschaft dar und bilden eine wichtige Säule unserer Wirtschaft“, sprach Ingola Schmitz ihrem Gegenüber zu Beginn des Gedankenaustauschs wohl aus der Seele. Thomas Gurdon betonte, dass das Berufskolleg Eschweiler mit der Städteregion über einen vorbildlichen Schulträger verfüge. „Das Engagement der Verantwortlichen dort ermöglicht es uns, uns voll auf unseren Job zu konzentrieren. Und dieser Job lautet, unseren Schülern guten Unterricht anzubieten!“ Der im Hinblick auf die Zukunft prognostizierte Rückgang der Schülerzahlen, durch den auch die Zahl der Lehrer beeinflusst werde, mache das Geschäft jedoch schwierig. „Alle Berufskollegs sind von einer strukturellen Unterversorgung betroffen.“ Deshalb sei Flexibilität gefragt, bei Engpässen praktische Lösungen zu finden. Immer wieder zeige sich, das Politik eine Frage der Prioritäten sei. Und innerhalb der Gesellschaft müsse eben entschieden werden, welcher Stellenwert den Schulen, und dazu zählten eben nicht zuletzt auch die Berufskollegs, eingeräumt werde. Denn: „Bildungspolitik kostet zunächst schlicht und ergreifend Geld, schließlich hat kein Schüler eine unmittelbare Wertschöpfung“, so Thomas Gurdon. Berufskollegs seien in ihrer Bedeutung weitestgehend unterbewertet. „Wir werden immer noch mit der Berufsschule gleichgesetzt, dabei ist bei uns jeder Schulabschluss möglich“, unterstrich der Schulleiter, der sich auch deshalb wünscht, von den Verantwortlichen weniger stiefmütterlich behandelt zu werden. „Mehr Sachverstand für die Besonderheiten der Berufskollegs in den Schulministerien wäre wünschenswert. Und bei aller Notwendigkeit von Reformen wäre es meiner Meinung auch wichtig, die Schulen mal in Ruhe zu lassen. Oft werden Reformen in den Parlamenten jahrelang diskutiert und wir sollen diese dann nach der Verabschiedung innerhalb von Wochen oder wenigen Monaten umsetzen. Ich wünsche mir manchmal, die gleiche Zeit für die Umsetzung von Reformen zu haben, wie die Politik für deren Implementierung“, nahm Thomas Gurdon kein Blatt vor den Mund.

Ein weiterer wichtiger Eckpunkt des Gesprächs, dem ein kurzer Rundgang durch die Schule folgte, war das Thema „Inklusion“, das Thomas Gurdon aber keinesfalls schreckt: „Mit der Inklusion sind Berufskollegs alleine schon durch das breite Spektrum von Schülern bereits seit vielen Jahren täglich konfrontiert. Deshalb gibt es keine Schulform, die besser vorbereitet ist“, erklärte der Schulleiter, dem als Sohn eines Flüchtlings, Thomas Gurdons Vater kam 1956 aus Ungarn in die Bundesrepublik, der Umgang mit den Flüchtlingen der Gegenwart auch und gerade an seiner Schule besonders am Herzen liegt.

„In Sachen Internationale Förderklassen, von denen wir momentan zwei am Berufskolleg Eschweiler unterhalten, sind wir ins kalte Wasser gesprungen. Ich würde gerne auch eine dritte oder vierte Klasse einrichten, doch wir benötigen dafür mehr Sozialarbeiter-Stellen. Eine halbe Stelle pro internationaler Förderklasse wäre angebracht. In dieser Hinsicht ärgere ich mich manchmal, wie langsam höhere Verwaltungsstellen reagieren“, forderte der Schulleiter abschließend schnellere Entscheidungen an den verantwortlichen Stellen.

Quelle: Eschweiler Zeitung vom 26. August 2015