Schüler freuen sich, helfen zu können

Sporthalle des Berufskollegs bereit für die Aufnahme von bis zu 200 Flüchtlingen. Schüler bieten ihre Dienste als Dolmetscher an.

Heute sollen sie kommen. Oder morgen. Genaues weiß noch niemand. Auch nicht, wie viele es sein werden. Aus welchen Nationalitäten sich die Gruppe zusammensetzt. Ob Familien mit Kindern dabei sind.

Sporthalle
Nur noch die Trennwände fehlen: Die Sporthalle des Berufskollegs ist auf die Aufnahme von bis zu 200 Flüchtlingen vorbereitet. Fotos: Rudolf Müller

 

„Business as usual“ in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Die Ungewissheit wird zur Routine. Städteregion ist vorbereitet. 500 Notunterkunftsplätze hat sie bereits zur Verfügung gestellt. Jetzt fordert ihr das Land 500 weitere ab. Bis zu 200 Menschen sollen in der Sporthalle des Berufskollegs an der August-Thyssen-Straßen Obdach finden. Vielleicht auch „nur“ 150. Die sollten ursprünglich am Montagabend eintreffen. Jetzt heißt es: Mittwoch oder Donnerstag.

Nichts Neues für das Team der Städteregion. Als vor drei Wochen die ersten Flüchtlinge nach Monschau kamen, waren die Busse für den Nachmittag angekündigt. Die Helfer standen bereit. Darunter ein Ärzteteam für den medizinischen Erstcheck vor Bezug der Unterkunft. Die Busse kamen nicht. Die Helfer warteten vergebens. Um kurz nach 3 und 4 Uhr früh rollten die Busse schließlich vor.

Wann auch immer die Busse zur August-Thyssen-Straße rollen: Das Team der Aufnahmeeinrichtung „Eschweiler 2“ ist vorbereitet. 96 Etagenbetten haben Helfer von Johannitern, Technischem Hilfswerk und Eschweiler Feuerwehr in der Halle aufgebaut. Einrichtungsleiter Ralf Marquardt hat sogar dafür gesorgt, dass die Menschen, die eine oft wochenlange Odyssee ums nackte Überleben hinter sich haben, hier auf Matratzen liegen können. Auf den Betten liegen Pakete mit Erstausstattungen: Kopfkissen, Bettwäsche, Handtuch, Hygieneartikel. Trennwände sollen folgen – damit die Menschen hier ein klein wenig Privatsphäre haben. Einfache Stoffbahnen sind unzulässig – zu feuergefährlich.

Auch weitere Brandschutzvorschriften mussten beachtet werden. Der sichere Zugang zur Halle wird jetzt durch eine breite, eiserne Treppe gewährleistet. In den Umkleiden, neben den Duschen, wurden Waschbecken abgehängt; an ihre Wasserzuleitungen wurden sieben Waschmaschinen angeschlossen. Sieben für 150 bis 200 Menschen. „Wir werden natürlich darauf achten, dass die Nutzung hier geregelt abläuft“, sagt Ralf Marquardt. Das bedeutet auch: feste Zeiten. Nachts herrscht Ruhe. Städteregionsrat Helmut Etschenberg, der die Halle und ihre Nebenräume mit Gregor Jansen, dem Dezernenten für Schule, Gesundheit, Sicherheit und Ordnung, in Augenschein nahm, weiß, dass da auch zunächst eine Anleitung in Sachen Bedienung nötig wird: „Wir hatten in anderen Unterkünften schon Waschmaschinenräume meterhoch unter Schaum stehen.“

Einen Nebenraum der Halle haben die Helfer für Kinder hergerichtet. Mit Spielteppichen, bunten Sitzgruppen, einer Krabbellandschaft samt Tunnel. Dabei wissen sie nicht einmal, ob überhaupt Kinder kommen werden.

Wertvoller Katastrophenschutz

Einer der Regieräume der Halle dient den Johannitern als „Leitstand“. Betten gibt es hier nicht. Auch nicht für die Nachtschichtler. „Unsere Leute sind rund um die Uhr ansprechbar“, betont Marquardt. „Da wird nicht geschlafen.“

Auch draußen vor der Halle hat sich einiges verändert. Auf dem Parkplatz stehen zwei Zelte, in denen Ärzte die Ankömmlinge durchchecken. Zwei weitere Zelte, mit Tischen und Stühlen ausgestattet, dienen als Verpflegungsstation. Gegessen wird im Zwei-Schicht-Betrieb, um allzu großes Gedränge zu vermeiden. Ein Caterer aus Düren versorgt die Menschen hier – in Eschweiler erklärten alle in Frage kommenden Betriebe sich ausgelastet. Ein Stück weiter hat ein Kranwagen einen großen Toilettencontainer abgesetzt. Zwar verfügt auch die Halle über Toiletten, doch der Weg vom Essenszelt bis dort, quer durch die Bettenreihen, ist weit.

Städteregionsrat Helmut Etschenberg
Empfängt hilfesuchende Menschen mit offenen Armen: Städteregionsrat Helmut Etschenberg, dem fremdenfeindliche Diskussionen zuwider sind. „Man muss nur einmal in die Augen der Flüchtlinge sehen“, sagt er.
Waschraum
Der Waschraum
Erstausstattung
Die Erstausstattung mit Bettwäsche und Handtuch
Verpflegungszelt
Das Verpflegungszelt

 

Möglich wurde die rasche Umsetzung der Landesforderung nur durch das Engagement des Katastrophenschutzamtes der Städteregion, betont Etschenberg. „Ehrlich gesagt, hatte Katastrophenschutz in Zeiten, in denen fast schon laut über einen Nato-Beitritt Russlands nachgedacht wurde, keine große Priorität mehr. Jetzt bin ich da ganz anderer Ansicht.“

Mit von der Partie beim Ortstermin in der fast fertig ausgestatteten Halle ist auch Christoph Happe. Der stellvertretende Schulleiter des Berufskollegs, das nun für Monate auf seine Sporthalle verzichten muss, sieht in der neuen Situation keineswegs nur Nachteile und teilt damit die Einschätzung Helmut Etschenbergs, der sagt: „Ich bin mir sicher, das wird für die Schule nicht nur eine belastende Erfahrung sein, sondern unterm Strich ein Gewinn.“

Gespräche im Unterricht

Viele der Schüler des Berufskollegs haben einen Migrationshintergrund. Im Berufskolleg, so berichtet Happe, kursieren bereits Listen, in die sich Schüler eintragen, die sich den Flüchtlingen als Dolmetscher zur Verfügung stellen. Und Lehrer wie Schüler freuen sich darauf, dass (englischsprachige) Flüchtlinge in den Unterricht kommen, um dort über ihre Erfahrungen, Probleme, Hoffnungen zu berichten.

„Überall, wo ein direkter Kontakt besteht, hat Fremdenfeindlichkeit keine Chance mehr“, sagt Etschenberg. Und bestätigt, was auch Marquardt weiß: „Wenn Flüchtlinge nach einigen Wochen weitergeschickt werden, fließen oft auf beiden Seiten Tränen.“

Quelle: Eschweiler Zeitung vom 14. Oktober 2015