Eine Freundschaft, die Grenzen überwunden hat

Städtepartnerschaft Stolberg-Stolberg auch 25 Jahre nach der Wende noch „voller Leben“. Wolfgang Hennig spricht im Interview über die frühen Stunden.

Bis zur unterzeichneten Partnerschaftsurkunde dauerte es ganze fünf Jahre, der Weg dorthin war von Absagen seitens der DDR-Verwaltung gepflastert. Letztlich ist das Zustandekommen der Städtepartnerschaft Stolberg-Stolberg in den Jahren 1989 und 1990 einem verirrten Brief aus Spanien zu verdanken. Der damalige Bürgermeister Wolfgang Hennig war von Beginn an in die Geschichte der Partnerschaft involviert und erinnert sich noch gut an die frühen Jahre der Freundschaft zwischen Ost und West. In dieser Zeit war Hennig auch Leiter der Eschweiler Berufsschule.

ehemalige Bürgermeister Wolfgang Hennig
Erinnert sich noch gut an das Unterzeichnen im Jahr 1990: Der ehemalige Bürgermeister Wolfgang Hennig mit der Partnerschaftsurkunde der beiden Orte Stolberg im Harz und Stolberg im Rheinland. Fotos: Nina Leßenich


Herr Hennig, 1985 gab es erste Bestrebungen, eine Partnerschaft mit der Stadt Stolberg im Harz in der damaligen DDR zu gründen. Wie kam es dazu?

Hennig: Der erste Anlauf wurde tatsächlich wegen der Namensgleichheit gestartet. Das war schon interessant: Hier im Rheinland wusste kaum jemand, dass es noch ein zweites Stolberg gibt.

Wie wurde man dann überhaupt auf dieses zweite Stolberg in der DDR aufmerksam?

Hennig: Ich hatte einen Schwager, der in Magdeburg lebte. Es muss um 1980 gewesen sein, als ich ihn besuchte. Wir waren damals mit dem Trabi in der Region unterwegs und fuhren dabei auch nach Stolberg im Harz. Die Thomas-Müntzer-Stadt, wie ich damals lernen durfte: Der Theologe wurde dort geboren. Die ganze Angelegenheit war natürlich ein netter Zufall – ich habe den Stolbergern zu Hause dann auch gleich eine Postkarte geschickt, die damals sogar in der Zeitung abgedruckt wurde.

Einige Jahre später stellte die hiesige Stadtverwaltung dann einen ersten Antrag auf Partnerschaft an die Zentralverwaltung der DDR. War dieser erfolgreich?

Hennig: Leider nicht, nein. Ich glaube, die haben uns damals noch nicht mal geantwortet.

Dass die Partnerschaft doch noch zustande kommen konnte, war eher ein Zufall. Was genau ist passiert?

Hennig: Das war quasi eine spanische Vermittlung! Wir hatten uns jahrelang erfolglos bemüht und fast schon nicht mehr daran geglaubt, dass es noch klappen würde. Ich saß 1989 als Bürgermeister in meinem Büro im Rathaus, als ein Schreiben von der theologischen Fakultät der Universität Barcelona auf meinem Schreibtisch landete. Die Absender schrieben anlässlich seines 500. Geburtstags eine Arbeit über Thomas Müntzer und hatten herausgefunden, dass er gebürtiger Stolberger war. Deshalb fragten sie nach Infos für ihre Recherche.

Mit dem Schreiben hatten Sie allerdings das falsche Stolberg adressiert.

Hennig: Richtig und genau deshalb ist diese Geschichte auch so ein großer Zufall. Es gibt genug Leute, die mit dem Namen Thomas Müntzer hier im Rheinland nichts hätten anfangen können und den Brief deshalb vielleicht einfach ignoriert hätten. Ich habe mich allerdings an meinen ersten Besuch in Stolberg im Harz erinnert und wusste gleich Bescheid: Damals hatte ich ja gelernt, dass Thomas Müntzer dort geboren wurde und für die Stadt eine durchaus bedeutende Rolle spielte.

Und diese zufällige Verwechslung haben Sie dann genutzt, um die geplante Partnerschaft wieder ins Gespräch zu bringen?

Hennig: Genau! Ich leitete dem damaligen Bürgermeister im Harz, Eberhard Knof, den Brief aus Spanien weiter und teilte ihm gleichzeitig unser noch immer bestehendes Interesse an einer Städtepartnerschaft mit. Darauf wurde dann glücklicherweise eingegangen!

Wie ging es danach weiter?

Hennig: Die Sache mit dem Brief passierte Ende 1989. Zu Beginn des neuen Jahres kam gleich eine 20-köpfige Delegation aus dem Harz hierher, um sich mit der Stadt vertraut zu machen und die Menschen kennenzulernen.

So ein Besuch im Westen war damals ja für viele alles andere als üblich: Wie war das für die damaligen DDR-Bürger, hier im Rheinland zu Besuch zu sein?

Hennig: Das war ein richtiges Spektakel — das kann man sich heute nicht mehr vorstellen! Die Delegation aus dem Harz kam damals mit einem Militärbus der Firma IFA angereist. Ich erinnere mich noch ganz genau an die Aufschrift auf dem Bus. Die Reisegruppe kam also in diesem Ungetüm angefahren, keiner von ihnen hatte aber Geld, um die Reise überhaupt zu finanzieren. Als sie angekommen sind, haben sie hier deshalb Münzen mit dem Aufdruck von Thomas Müntzer verkauft, um sich so ihren Aufenthalt und auch die Rückfahrt zu finanzieren. Das war ganz schön verrückt. Die Münzen besitze ich übrigens heute noch.

Gab es dann im Anschluss auch einen gemeinsamen Gegenbesuch im Harz?

Hennig: Aber natürlich! Einen Monat später sind wir dann nach Stolberg im Harz gefahren und haben den Menschen dort einen Gegenbesuch abgestattet. Im Zuge dessen konnte dann auch endlich unsere Partnerschaftsurkunde unterzeichnet werden. Damit war die Städtepartnerschaft offiziell.

Für Stolberg im Rheinland haben Sie diese Urkunde unterzeichnet, auf der Seite von Stolberg im Harz stehen dort jedoch zwei Unterschriften. Was hat es damit auf sich?

Hennig: Das hat eben mit der Wende zu tun, die unsere beiden Städte erlebt haben. Die erste Unterschrift ist die von Eberhard Knof, den ich eben schon erwähnte. Er war in Stolberg im Harz der letzte Bürgermeister der alten DDR. Die zweite Unterschrift rechts neben seiner gehört Ulrich Franke, der als FDP-Politiker der erste Bürgermeister nach den ersten freien Wahlen in der DDR wurde. Deshalb gibt es auf der Urkunde drei Unterschriften. Das ist in Ordnung — wir haben damit ja auch eine wichtige Freundschaft besiegelt, die bis heute hält.

Wie ging es mit der Partnerschaft weiter, nachdem die Formularien endlich geregelt waren?

Hennig: Einer der nachhaltigsten Momente in meinem Leben war wohl die Nacht vom 2. Oktober auf den 3. Oktober 1990. Um Punkt null Uhr, als die DDR rechtlich aufhörte zu existieren, standen wir in Stolberg im Harz alle gemeinsam vor dem Rathaus und unsere Musikkapelle aus dem Rheinland spielte die neue Hymne der vereinten Bundesrepublik Deutschland. Dort standen wir also und sangen alle gemeinsam das Lied auf die neue Einigkeit. Das war wirklich ein sehr bewegender Moment. In der gleichen Nacht haben wir dann auch noch vereinbart, dass wir jeden kommenden Tag der Deutschen Einheit gemeinsam feiern werden.

Konnte diese Vereinbarung bisher eingehalten werden?

Hennig: Das klappte in diesem Jahr in der Tat seit 25 Jahren: Es gab seitdem tatsächlich kein einziges Jahr, in dem wir nicht zusammen gefeiert hätten. Der gemeinsame Tag der Einheit ist bei uns eben eine richtige Tradition geworden! Der Ort des Zusammenkommens alterniert aber immer: In diesem Jahr waren wir zu Besuch im Harz und fuhren mit rund 200 Leuten runter.

Wie entwickelte sich die Partnerschaft zwischen den beiden Städten nach der Wiedervereinigung weiter?

Hennig: Wir aus dem Rheinland haben uns damals nach der Wende sehr stark engagiert und eingebracht, um den Menschen in der ehemaligen DDR zu helfen. Gleich nach der Wende haben wir zum Beispiel einige Mitglieder unserer Stadtverwaltung an unsere neuen Freunde im Harz „ausgeliehen“. Die haben dann dort bei der Haushaltsplanung und bei der Organisation der Umstrukturierung des gesamten Verwaltungsapparats geholfen.

Glauben Sie, dass Hilfe wie diese die Annäherung von Ost und West nach der Wende erleichtert haben?

Hennig: Ich bin sogar überzeugt davon, dass das Zusammenwachsen von Deutschland nur durch solche Partnerschaften wirklich geleistet werden konnte. Die politische Einheit zu schaffen ist die eine Sache, eine innere Einheit ist aber genau so wichtig. Da kann man so viele Verträge unterzeichnen wie man möchte: Das geht nur über die Menschen und nicht administrativ.

Hatte Stolberg im Harz es dadurch nach der Wende vielleicht auch einfacher, als eine Stadt ohne westdeutsche Hilfe?

Hennig: Ganz bestimmt sogar. In Sachsen-Anhalt hatte Stolberg im Harz durch die neu geschaffene Verwaltung schon extreme Vorteile. So konnten dort zum Beispiel schon sehr früh Anträge auf Förderung gestellt werden. Das haben die Menschen dort uns auch bis heute nicht vergessen. Man erfährt noch immer viel Dankbarkeit, wenn man dort ist.

Erinnern Sie sich an eine besonders kuriose oder denkwürdige Situation während der letzten 25 Jahre der Partnerschaft?

Hennig: Total irre ist die Geschichte des Fürsten zu Stolberg im Harz. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Sowjets ja zahlreiche Fürstentümer in ihren Gebieten eingestampft, der Fürst zu Stolberg schwebte im Harz also in Lebensgefahr. Glücklicherweise hatte er aber Kontakte zum britischen Königshaus. Kurz vor dem Übergriff der Sowjetunion auf die Region wurden der Fürst und seine Familie daher von britischen Offizieren gerettet. Das bemerkenswerte an der Geschichte ist, dass diese Offiziere in den vergangenen Jahren immer an unserer Feier zum Tag der Deutschen Einheit teilgenommen haben und so zu einem Teil unserer Gemeinschaft wurden.

Gab es auch in jüngster Vergangenheit gemeinsame Projekte in der Partnerschaft?

Hennig: Es gibt immer wieder gemeinsame Bestreben. Zuletzt ging es zum Beispiel um den Namen von Stolberg im Harz, da haben wir gemeinsam gekämpft. Vor einigen Jahren wurde Stolberg im Harz der Titel „Stadt“ aberkannt, weil der Ort in die Gemeinde Südharz eingegliedert wurde. Für den Tourismus einer Stadt ist sowas ein Albtraum. Besonders Uli Franke war da in den letzten Jahren sehr engagiert und konnte jetzt endlich Erfolge erzielen: Seit dem 28. August steht auf den Papieren wieder „Stadt Stolberg im Harz“. Allerdings ging es da wirklich nur um den Namen.

Einige Städtepartnerschaften beklagen mangelndes Interesse der jungen Leute. Wie sehen Sie die Zukunft der Partnerschaft?

Hennig: Ich blicke da positiv in die Zukunft. Ich kenne kaum Städtepartnerschaften, die so sehr mit Leben gefüllt sind, wie die von Stolberg und Stolberg. Es gibt inzwischen zahlreiche Privatinitiativen, zum Beispiel zwischen den Schützen, den örtlichen Feuerwachen und den Sportvereinen. Wir veranstalten viele gemeinsame Feste und so haben sich zahlreiche Freundschaften geschlossen, die sicher auch auf lange Sicht weiterhin andauern werden. Außerdem gibt es inzwischen auch den Freundeskreis Stolberg-Harz, der sich sehr aktiv für die Partnerschaft engagiert, Kontakte pflegt und die Fahrt am jetzigen Wochenende mit zwei Bussen in die Partnerstadt organisiert hat.

Quelle: Eschweiler Nachrichten vom 10. Oktober 2014 von Nina Leßenich