Sechs Klassen, zwei Filme und ein emotionaler Tag

120 Schüler aus der Region verlegen ihren Unterricht auf Einladung der Karlspreisstiftung und des Kulturbetriebs Aachen in den Kinosaal. Lebhafte Diskussion über die Bedeutung Europas.

Beim letzten Mal, als Evelyn Müller in einem Kinosaal war, hielt sie eine Tüte Popcorn in ihrer Hand. Sie hatte es sich gemütlich gemacht, und das ist ja irgendwie auch der Sinn, wenn man ins Kino geht. Dieses Mal, so sagt es die Schülerin der 9. Klasse der Aachener Hauptschule Drimborn, sei das schon eine andere Art des Kinoerlebnisses gewesen; eine emotionalere, eine ungewöhnlichere Erfahrung. Klar, man sitzt nicht täglich mit seinem Lehrer und 120 anderen Schülern vor einer Leinwand, erst recht nicht einen ganzen Schultag lang. Derart nachdenklich habe sie allerdings noch nie eine Kinovorführung verlassen, sagt Müller. „Das war insgesamt sehr bewegend“, sagt sie.

Kinosaal
Unterricht mal anders: Die Schülerinnen und Schüler aus insgesamt sechs verschiedenen Klassen der Region durften einen ganzenTag lang im Kinosaal Platz nehmen. Foto: M. Jaspers
Mein Herz tanzt
Danielle Kitzis als Naomi in der Klasse in einer Szene des Kinofilms „Mein Herz tanzt“. Das Drama kam im Mai dieses Jahres in die deutschen Kinos. Foto: dpa

Am Ende eines langen Tages waren sie alle dieser Meinung: die Schüler, die Lehrer und vor allem auch die Verantwortlichen der Karlspreisstiftung und des Kulturbetriebs der Stadt Aachen, die beide in Zusammenarbeit mit dem Cineplex-Kino Aachen zu einem Schulprojekt der besonderen Art eingeladen hatten. Unter dem Motto „Made in Europe: Zwei Filme. Ein Tag“ stand neben zwei Vorführungen für sechs Klassen der Hauptschule Drimborn, des St. Leonhard Gymnasiums und des Berufskollegs Eschweiler auch eine anschließende Diskussion auf dem Stundenplan, in der zentrale Aspekte des gesellschaftlichen Lebens aufgegriffen wurden: Religionsfreiheit, Toleranz, Wertschätzung des anderen und besonders das Thema Einwanderung. „All diese Themen“, sagt Günter H. Jekubzik, „sind vor dem Hintergrund der derzeitigen Geschehnisse aktueller denn je.“

Jekubzik ist ein Aachener Filmkritiker. Bei der Organisation der Veranstaltung war er beteiligt, zudem wählte er auch einen der beiden Filme aus. Sein Vorschlag war es, Eran Riklis israelisch-französisch-deutsches Drama „Mein Herz tanzt“ aus dem Jahr 2014 zu zeigen – ein Film, der das schwierige Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern und ihren gegenseitigen Vorurteilen thematisiert.

Filmkritiker
Bezeichnen das Pilotprojekt als vollen Erfolg: Olaf Müller (l.), Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen, und Filmkritiker Günter H. Jekubzik. Foto: M. Jaspers

Am Rand der Gesellschaft

Auch der zweite Film hätte thematisch mit Blick auf die derzeitigen Geschehnisse in Europa nicht besser passen können: Denn Marie-Castille Mention-Schaars Film „Die Schüler der Madame Anne“ (2014) handelt von einer engagierten Lehrerin, die ihre französische Brennpunkt-Klasse zusammenschweißt, indem sie sie mit einem Geschichtsprojekt bei einem nationalen Schülerwettbewerb anmeldet. Die meisten Schüler dieser Klasse haben einen Migrationshintergrund, leben in den Pariser Banlieus und fühlen sich dort an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die Vororte der französischen Hauptstadt sind in den vergangenen Tagen mit Blick auf die Terrorangriffe in Paris in der Öffentlichkeit oftmals als Nährboden für Radikale bezeichnet worden.

Die Schüler der Madame Anne
Eine Szene aus dem Film „Die Schüler der Madame Anne“. Foto: NeueVisionen Filmverleih

Welche Wirkung die Filme auf die Schüler hatten, wurde in der anschließenden Diskussion, die Jekubzik moderierte, allzu deutlich. „Fremdenhass hat in unserer Gesellschaft nichts zu suchen“, sagte etwa Amina Rama, ebenfalls Schülerin an der Hauptschule Drimborn. „Wir haben in unserer Klasse viele Schüler mit Migrationshintergrund, es treffen also viele Kulturen aufeinander. Aber unser Zusammenhalt zeigt, wie es funktionieren kann“, sagte die Neuntklässlerin.

Die lebhafte Diskussion der 120 Schüler im Kinosaal war der beste Beweis dafür, dass beide Filme als äußerst gelungene Wahl bezeichnet werden dürfen. „Das Medium Film hat die vielleicht stärkste Wirkung“, sagt auch Olaf Müller, Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen. „Mit dieser außerschulischen Lernart wollten wir dazu beitragen, dass die Schüler nachdenklich den Saal verlassen. Und ich glaube, das ist ganz gut gelungen.“

Angebot schon im nächsten Jahr?

Ähnlich sah es auch Bernd Vincken von der Karlspreisstiftung: „Es ist ganz klar unser Ziel, junge Menschen für Europa und seine Bedeutung zu interessieren. Beide Filme werben für das Miteinander in unserer Gesellschaft“, sagt Vincken. Schon im kommenden Jahr soll das Angebot wenn möglich für weitere Schulklassen wiederholt werden. „Wir konnten nicht allen interessierten Schulen zusagen“, sagt Jekubzik. Ein Schultag im Kino, das will sich wohl kein Schüler nehmen lassen. Auch nicht, wenn das Popcorn fehlt.

Quelle: Eschweiler Zeitung vom 30. November 2015